Verwirrung um das älteste Foto der Welt

Saint-Loup-de-Varennes

Am Ortsrand von Saint-Loup-de-Varennes in Burgund steht ein Denkmal. Es ist dem berühmtesten Einwohner der 1.130-Seelen-Gemeinde gewidmet und besagt: “In diesem Dorf hat Nicéphore Niépce 1822 die Fotografie erfunden.” Diese Jahreszahl ist allerdings falsch.

Es stimmt zwar, dass Joseph Nicéphore Niépce die erste Fotografie in Saint-Loup-de-Varennes gelungen ist. Diese stammt aber aus dem Jahr 1826. Das Foto zeigt einen Blick aus seinem Arbeitszimmer im Gutshof Les Gras und wurde mit einer Camera obscura und einer mit Asphalt beschichteten Zinnplatte festgehalten. Erst 1952 wurde die lange Zeit als verschollen geltende Fotografie mit dem Titel “Point de vue du Gras” vom Fotografiehistoriker Helmut Gernsheim wiederentdeckt und von Kodak reproduziert. Hier das Resultat:

Blick aus dem Arbeitszimmer in Le Gras

Der Blick aus dem Arbeitszimmer in Le Gras von Nicéphore Niépce gilt heute als älteste Fotografie der Welt (Bildquelle: Wikipedia, gemeinfrei).

Wie aber kam es aber nun zur falschen Jahresangabe 1822 am Denkmal? Ich erkundigte mich dort, wo man es wissen muss – beim Musée Nicéphore Niépce in dessen Geburtsort Chalon-sur-Saône, ca. sieben Kilometer nördlich von Saint-Loup-de-Varennes. Christian Passeri, Collection Manager des 1972 gegründeten Museums, klärte mich via E-Mail über den Sachverhalt auf:

Lange Zeit galt die Abbildung eines Stilllebens namens “La Table Servie” als die älteste Fotografie der Welt. Der Chemiker Louis-Alphonse Davanne hatte dieses Bildnis in seinem 1893 erschienenen Buch “Conferénces Publiques sur la Photographie” Niépce zugeschrieben und als Entstehungsdatum “1823 oder 1825” angegeben. Später wurde dieses Datum von unterschiedlichen Autoren auf 1822 vorverlegt.

La Table Servie

“La Table Servie” wurde irrtümlich für das älteste Foto der Welt gehalten. Die Aufnahme stammt vermutlich aus dem Jahr 1833 und nicht – wie ursprünglich angenommen – 1822 (Quelle: Barthes 1989, S. 136)

Erst im Jahr 1995 gelang dem Pariser Wissenschaftler Jean-Louis Marignier der Nachweis, dass “La Table Servie” tatsächlich von Nicéphore Niépce stammt. Das für die Aufnahme verwendete fotografische Verfahren wird als “Physoautotype” bezeichnet – dazu wurde ein Gemisch aus destilliertem Lavendelöl und Alkohol auf einer Silberplatte verwendet.

Durch diese Feststellung wurde eine genauere Datierung möglich, da dieses Verfahren von Niépce und Louis Daguerre erst im Sommer 1832 gemeinsam entwickelt worden war. Die Entstehung von “La Table Servie” wird daher von Marignier auf 1832 oder 1833 datiert. Paul Jay, erster Direktor des Musée Nicéphore Niépce, vermutet als Entstehungszeit das Frühjahr 1833.

Daguerre wird unsterblich

Es gilt heute also als gesichert, dass die erste Fotografie “Der Blick aus dem Arbeitszimmer von Le Gras” von Nicéphore Niépce aus dem Jahr 1826 ist. Niépce selbst war es allerdings nicht vergönnt, den Erfolg seiner Arbeit zu erleben. Am 5. Juli 1833 verstarb er an den Folgen eines Schlaganfalls.

Der breiten Öffentlichkeit blieb vielmehr Louis Daguerre als Erfinder der Fotografie in Erinnerung, mit dem sich Niépce die letzten Jahre seines Lebens intensiv ausgetauscht hatte. Daguerre war 1826 mit Niépce in Kontakt getreten. 1829 schlossen die beiden Fotopioniere eine juristische Vereinbarung über die Weiterentwicklung fotografischer Verfahren ab.

Nach dem plötzlichen Ableben von Nicéphore Niépce trat sein Sohn Isidore Niépce die Rechtsnachfolge des Vertrags an, ohne sich allerdings am Fortschritt der Fotografie maßgeblich zu beteiligen. Daguerre gelang schließlich im Alleingang die Entwicklung des ersten marktfähigen fotografischen Verfahrens, das er unbescheiden “Daguerrotypie” nannte. Die Daguerrotypie wurde am 19. August 1839 in einer gemeinsamen Sitzung der Pariser Akademien der Wissenschaften und der Künste der Öffentlichkeit präsentiert. Im Anschluss wurde das Verfahren vom französischen Staat erworben und der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt.

Die Schlüsselrolle von Nicéphore Nièpce bei der Entwicklung fotografischer Verfahren wurde dabei aber zumindest in finanzieller Hinsicht anerkannt: Sowohl Louis Daguerre als auch Isidore Niépce erhielten eine jährliche Rente von jeweils 4000 Francs.

Literatur

Barthes, Roland (1989): La cámara lúcida. Barcelona, Buenos Aires, Mexico: Paidós
Batchen, Geoffrey (1997): Burning with Desire. The Conception of Photography. Cambridge, Massachusetts: MIT Press
Jay, Paul (1978): Niépce: Premiers outils, premiers résultats. Chalon-sur-Saône: Musée Nicéphore Niépce
Jay, Paul (1988): Niépce: Genèse d’une invention. Chalon-sur-Saône: Société de amis du Musée Nicéphore Niépce

Beitragsbild

Monument Nicéphore Niépce de Saint-Loup-de-Varennes, Wikipedia, Domaine public

 

2 Kommentare

  1. Vielen Dank für Ihren Beitrag, sehr geehrter Herr Sturmer. Es gibt noch sehr viel mehr Verwirrungen um die erste Fotografie. In der Austellung “Fotovision – Projekt Fotografie nach 150 Jahren”, welche in Hannover im Sprengel Museum von 9/1988 bis 11/1988, anschließend in Wien von 01/1989 bis 03/1989 und dann in Zürich von 05/1989 bis 06/1989 gezeigt wurde, sowie im diese Ausstellung begleitenden Ausstellungskatalog „Fotovision“ aus dem Verlag des Sprengel Museums (Hannover, 1988 ISBN_10: 3891690444) ist auf Seite 249 eine Abbildung einer dieser Aufnahmen von Niepce zu sehen, und zwar eine seitenverkehrte Darstellung gegenüber der Aufnahme auf Ihrer Website. Der Bildtext dazu verwirrt mich, weil ich ihn bis heute nicht durch andere Quellen verifizieren konnte. Er lautet:
    «Johann Peter Eckermann: Blick aus dem Fenster 1824 (Frühjahr). (Sammlung Tillmann/Vollmer)
    Auf einer seiner ausgedehnten Reisen traf Goethe 1824 in Chalon s. S. auf Nicephore Niepce. Zusammen laborierten sie an der Stabilisierung von Lichtbildern. Das erste Experiment, die erste Belichtung, führte Eckermann, der Vertraute und Begleiter Goethes, ob seiner großen Ruhe und Ausdauer in Gras/St. Loup de Varenne aus. Niepce vertuschte diese Begegnung und deklarierte seine eigenen, späteren Versuche des gleichen Jahres als Premiere der Fotografie. Die Literaturgeschichte beweist, daß Goethe und Eckermann dieses Ereignis vergaßen. Auf dem Sterbebett allerdings erinnerte sich Goethe mit dem Ausspruch „Mehr Licht!“ an diese anstrengende, achtstündige Belichtungszeit.»
    Ich konnte keine weitere Quelle finden, die diese Geschichte bestätigt. Recherchiert man Goethes Reisetätigkeit 1824, so weilte Goethe wahrscheinlich im Sommer 1824 weitgehend in Weimar, Eckermann allerdings war offenbar von Ende Mai bis Ende Juli auf ausgedehnten Reisen unterwegs, die ihn möglicherweise auch nach Le Gras geführt haben könnten…
    Hat das Sprengel Museum seinerzeit Stuss verbreitet?

    1. Sehr geehrter Herr Ratfisch,

      herzlichen Dank für Ihren interessanten Kommentar. Für mich ist die Geschichte völlig neu. Haben Sie bereits das Musée Nicéphore Niépce kontaktiert? Ich kann mir vorstellen, dass man dort Bescheid weiß, falls es tatsächlich eine Begegnung mit Goethe und/oder Eckermann gab.

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