Fake PR: Angriffe auf die Wahrheit

Humboldt-Terrasse Salzburg

Fake News sind eine Gefahr für die öffentliche Meinungsbildung. Auch PR-Leute versuchen immer wieder, Medien hinters Licht zu führen und Aufmerksamkeit zu ergattern. Fake PR ist aber alles andere als neu.

Während der Weihnachtstage war ich am Salzburger Mönchsberg spazieren. Dort findet sich eine Marmortafel mit einem Spruch, der dem großen Entdecker und Naturforscher Alexander von Humboldt zugeschrieben wird:

Die Gegenden von Salzburg, Neapel und Konstantinopel halte ich für die schönsten der Erde.

Diese Aussage hat Humboldt wohl nie getätigt. Es darf vermutet werden, dass hinter dem Zitat listiges Tourismus-Marketing steckt.

Humboldt und Salzburg

Das Universalgenie Alexander von Humboldt (1769-1859) war ein Popstar der Wissenschaften und galt zu seiner Zeit als bekanntester Mann der Welt nach Napoleon. Orte, Straßen, Berge und Flüsse sind nach ihm benannt – ganz zu schweigen von den fast 300 Pflanzen und Tieren, die seinen Namen tragen. (1)

Alexander von Humboldt lebte ein halbes Jahr in der Stadt Salzburg. Nach einem Kurzaufenthalt im Jahr 1792 wohnte Humboldt vom 26. Oktober 1797 bis 24. April 1798 in der Schanzlgasse 14 im Kaiviertel. Sein angebliches Salzburg-Lob tauchte erstmals in einem Fremdenführer über das aufstrebende Tourismusziel Salzburg auf. Der Verlag bezog sich dabei auf einen Brief von Humboldt an einen gewissen “Bergrath Math. Mielichhofer” aus dem Jahr 1804. (2)

Alexander von Humboldt, Schanzlgasse 14, Kaiviertel, Salzburg

In diesem Haus im Salzburger Kaiviertel lebte Alexander von Humboldt während seiner Zeit in Salzburg. (Bild: salajean, Shutterstock.com)

Andrea Wulf schreibt in ihrer Humboldt-Biografie, dass der Naturforscher während seines langes Lebens an die 50.000 Briefe verfasst hat. (1) Es wäre als theoretisch vorstellbar, dass sich darunter auch ein Schreiben an Mathias Mielichhofer (1772-1847) befand. Dieser Brief gilt aber als verschollen. Zudem bezweifelt der Salzburger Uni-Professor Robert Hoffmann eine persönliche Bekanntschaft zwischen Humboldt und Mielichhofer, da der Salzburger Beamte 1804 im Pinzgau weilte. (2)

Der wohl trifitigste Grund gegen die Authentizität des besagten Schreiben ist aber die Tatsache, dass Alexander von Humboldt nie in Konstantinopel war. Warum sollte er also eine ihm unbekannte Stadt als Vergleich nehmen? Andrea Wulf berichtet außerdem von Humboldts Neapel-Reise, die erst im August 1805 – also nach dem angeblichen Brief an Mielichhofer – stattgefunden hat (1).

Robert Hoffmann meint daher, dass der Ausspruch “in der überlieferten Form mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht authentisch ist.” (2) Vielmehr glaubt er an einen touristischen Marketing-Trick:

Das erstmalige Auftauchen des Zitats gerade um 1870 spricht vielmehr für eine lokale Legendenbildung mit dem Ziel einer dauerhaften Verknüpfung des Namens des weltberühmten Gelehrten mit jenem der aufstrebenden “Saisonstadt” Salzburg.

Auch wenn Bedenken am angeblichen Ausspruch von Humboldt spätestens ab 1900 bekannt waren, tat das der weiteren Verwendung in der Tourismuswerbung keinen Abbruch. Die oben abgebildete Postkarte aus dem Jahr 1912 ist nur eines von vielen Beispielen. Auch das Kongresshaus Salzburg warb vor seiner Eröffnung im Jahr 2001 mit dem Zitat. (2)

Umstrittene Pistenraupen-Kampagne

Erfundene Begebenheiten stehen in der Tourismus-PR weiterhin hoch im Kurs. Das Interactive Advertising Bureau Austria (IAB Austria) zeichnete am 12. Oktober 2017 die Kampagne “Seefeld Pistenraupe” mit je einmal Gold und Silber aus. Die Olympiaregion Seefeld hatte gemeinsam mit ihrer Agentur im November 2016 die Irrfahrt einer Pistenraupe inszeniert, die ins “falsche” Seefeld nach Schleswig-Holstein transportiert hatte.

Wie das Video zeigt, erntete die Aktion enormes Echo in klassischen Medien und in sozialen Netzwerken. Verurteilt wurde die Kampagne aber vom Deutschen Rat für Public Relations (DRPR) und vom österreichischen PR-Ethik-Rat. Der DRPR rügte in einer Presseaussendung die involvierten Personen “aufgrund der bewussten Täuschung von Journalisten sowie der Schädigung des Berufsfeldes der PR.”

Mit 85 auf den Mount Everest

Ein Klassiker der inszenierten PR ist die Story um Mary Woodbridge. Die rüstige Rentnerin verkündete im Dezember 2005 im Alter von 85 Jahren, dass sie für die Besteigung des Mount Everest trainierte. Mit auf das Dach der Welt kommen sollte auch ihr niedlicher Dackel Daisy. Und weil es freilich für Hunde keine geeigneten Masken gab, wollten die beiden ohne Sauerstoff auf den Gipfel. Auf der direkten Route vom Basislager, weil “Campen liegt uns gar nicht!”

Natürlich kostet eine derartige Expedition viel Geld, und so schickte die agile Seniorin auf der Suche nach Sponsoren E-Mails an diverse Redaktionen. Als i-Tüpfelchen startete sie ihre eigene Homepage – mit Videos und in drei Sprachen.

Mary Woodbridge Mount Everest Expedition

Screenshot von Mary Woodbridge’s Website

Was für eine Geschichte! 250 Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und Fernsehstationen berichteten weltweit über das waghalsige Unterfangen. Dumm dabei war nur, dass es Mary Woodbridge gar nicht gab. Die Rentnerin war eine eine Erfindung des Outdoor-Spezialisten Mammut, die Kampagne wurde mit fast schon übertriebenem Witz von der Schweizer Werbeagentur Spillmann/Felser/Leo Burnett (heute: Leo Burnett Schweiz) umgesetzt. (3)

Solche Schummeleien haben in der PR freilich nichts zu suchen. Die Aktionen widersprechen dem PR-Ehrenkodex Code de Lisbonne in gleich mehreren Punkten. Es gilt also, die Augen offenzuhalten und Fake PR auszudecken. Kennt Ihr weitere Beispiele?

Literatur

(1) Wulf, Andrea (2016): Alexander von Humboldt und die Entdeckung der Natur. C. Bertelsmann, München.

(2) Hoffmann, Robert (2006): Die Entstehung einer Legende. Alexander von Humboldts angeblicher Ausspruch über Salzburg. PDF.

(3) Holzinger, Thomas; Sturmer, Martin (2010): Die Online-Redaktion. Praxisbuch für den Internetjournalismus. Springer, Heidelberg.

Titelbild: Salzburger Postkarte um 1912 (Privatbesitz)

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